Warum die Netzform über alles andere entscheidet
Berührt ein Außenleiter ein Metallgehäuse, muss der Fehlerstrom schnell genug zur Quelle zurückfließen, um die Schutzeinrichtung auszulösen. Welchen Weg er dabei nimmt, legt die Netzform fest — auch Netzart oder Erdungssystem genannt. Aus ihr folgt, wie schnell abgeschaltet wird, ob ein Leitungsschutzschalter dafür überhaupt ausreicht und wie PE und N im Verteiler geführt werden müssen.
Wer die Netzform falsch annimmt, plant den Schutz am Fehlerstrom vorbei. Deshalb steht sie am Anfang jeder Planung, nicht am Ende.
Wie die Buchstaben zu lesen sind
Die Kürzel wirken kryptisch, folgen aber einer festen Logik. Jeder Buchstabe beantwortet eine Frage:
- Erster Buchstabe — wie ist die Quelle geerdet? T (frz. terre) heißt: ein Punkt der Quelle, meist der Sternpunkt des Transformators, ist direkt geerdet. I heißt: die Quelle ist isoliert oder nur hochohmig mit Erde verbunden.
- Zweiter Buchstabe — wie sind die Gehäuse geerdet? T heißt: über einen eigenen Erder vor Ort. N heißt: über den Schutzleiter zurück zur geerdeten Quelle.
- Weitere Buchstaben — wie werden N und PE geführt? S (separat) heißt: getrennte Leiter über die gesamte Strecke. C (kombiniert) heißt: ein gemeinsamer PEN-Leiter.
Damit liest sich TN-C-S als: Quelle geerdet, Gehäuseschutz über den Schutzleiter, erst kombinierter PEN, danach getrennte Leiter.
TN-S
PE und N sind vom Transformator bis zur Steckdose durchgehend getrennt. Ein Körperschluss erzeugt einen Kurzschlussstrom von mehreren hundert Ampere, der Leitungsschutzschalter schaltet in Sekundenbruchteilen ab.
Im Verteiler ist die Sache einfach: PE auf die PE-Schiene, N auf die N-Schiene, keine Verbindung zwischen beiden. TN-S findet sich vor allem in Neubauten mit eigener Trafostation, in Gewerbe und Industrie.
TN-C
Statt zweier Leiter läuft ein gemeinsamer PEN-Leiter, der gleichzeitig Neutralleiter und Schutzleiter ist. Das spart Material — und war jahrzehntelang als „klassische Nullung“ verbreitet.
Der Haken: Bricht der PEN, verliert jedes geerdete Gehäuse hinter der Bruchstelle seinen Schutz und kann über die Verbraucher Spannung annehmen. Deshalb gilt heute:
- Ein PEN-Leiter ist nur bei ausreichendem Querschnitt zulässig — üblich sind mindestens 10 mm² Kupfer beziehungsweise 16 mm² Aluminium.
- In Endstromkreisen ist der PEN-Leiter nicht mehr zulässig; die klassische Nullung an der Steckdose ist Vergangenheit.
- Hinter einem RCD darf kein PEN-Leiter geführt werden — der RCD würde sofort auslösen oder gar nicht funktionieren.
TN-C existiert daher praktisch nur noch im Versorgungsnetz und in Altanlagen.
TN-C-S — der Normalfall im deutschen Wohnhaus
Die Kombination aus beidem: Bis ins Haus läuft ein PEN-Leiter, der im Hausanschlusskasten oder am Hauptpotentialausgleich in N und PE aufgetrennt wird. Ab dieser Trennstelle gilt für die gesamte Installation TN-S.
Zwei Regeln, an denen sich alles entscheidet:
- Die Auftrennung erfolgt einmal, so früh wie möglich, an der Haupterdungsschiene — nicht im Wohnungsverteiler.
- Hinter der Trennstelle dürfen N und PE nie wieder verbunden werden. Jede spätere Brücke macht den RCD wirkungslos und führt Betriebsstrom über den Schutzleiter.
TT
Von der Einspeisung kommt kein nutzbarer PE. Die Erdung übernimmt ein eigener Erder am Gebäude, etwa ein Fundament- oder Tiefenerder. Der Fehlerstrom fließt über Erdreich zurück und wird dadurch auf wenige Ampere begrenzt — viel zu wenig für einen Leitungsschutzschalter.
Folge: Im TT-System ist der RCD zwingend, praktisch als zentraler RCD am Verteilereingang ergänzt um selektive Aufteilung, und der Erdungswiderstand muss gemessen und dokumentiert werden. TT ist in Deutschland typisch für ältere Einzelgebäude und Anlagen im Außenbereich.
IT
Die Quelle ist nicht oder nur hochohmig geerdet. Der erste Fehler treibt kaum Strom und schaltet nichts ab — die Anlage läuft weiter, eine Isolationsüberwachung meldet ihn. Genau das ist der Zweck: Im Operationssaal oder in bestimmten Industrieanlagen darf der Strom nicht beim ersten Fehler ausfallen. Erst der zweite Fehler wirkt wie ein Kurzschluss und muss abgeschaltet werden. Im Wohnbau kommt IT nicht vor.
Wie finde ich meine Netzform heraus?
Raten ist hier gefährlich, denn aus einer Steckdose ohne PE folgt weder das eine noch das andere. Verlässliche Wege:
- Blick in den Hausanschlusskasten und auf die Haupterdungsschiene: Gibt es eine PEN-Auftrennung, liegt TN-C-S vor.
- Auskunft des Netzbetreibers — er weiß, wie das Versorgungsnetz aufgebaut ist.
- Messung durch eine Elektrofachkraft, insbesondere des Erdungswiderstands bei Verdacht auf TT.
Kommt kein separater grün-gelber Leiter an, ist die Annahme „dann ist es eben TN-C-S“ ein klassischer und riskanter Fehler: Eine PEN-Auftrennung im Wohnungsverteiler ist unzulässig, und TT anzunehmen setzt einen Erder voraus, den es vielleicht gar nicht gibt.
Was daraus für den Verteiler folgt
- In jedem Fall getrennte Schienen für N und PE hinter der Trennstelle — und keine Brücke zwischen ihnen.
- Steckdosenstromkreise bis 32 A und Beleuchtungsstromkreise in Wohnungen brauchen nach DIN VDE 0100-410:2018-10 einen RCD mit 30 mA; im TT-System kommt der RCD ohnehin für den Basisschutz dazu.
- Je Stromkreis ein eigener Neutralleiter. Geteilte N-Leiter über mehrere Stromkreise sind der häufigste Grund für unerklärliche RCD-Auslösungen.
- Die Netzform bestimmt auch die Auswahl des Überspannungsschutzes und dessen Beschaltung.
Was PlanMyPanel macht
Die Netzform wird im Assistenten abgefragt und steuert danach die gesamte Prüfung: Im TT-System verlangt der Regelsatz einen RCD am Eingang, bei TN-C-S prüft er, dass keine PEN-Auftrennung im Wohnungsverteiler geplant wird. Ist die Netzform unbekannt, kennzeichnet PlanMyPanel das Projekt und rechnet bis zur Klärung mit dem ungünstigsten Fall — TT. Die endgültige Feststellung bleibt bei der Elektrofachkraft.